Labor für Endokrinologie und Zytogenetik

Dr. med. habil. Dr. med. Dr. rer. nat. Dipl.-Chem. Reinhard Niemann

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Schwere Schicksalsjahre bis zum Erfolg …


Skizzen aus dem Leben des Pianisten Rudolf Kehrer



Kindheit und Jugend


Rudolf Kehrer wurde als Sohn deutschstämmiger Eltern am 10. Juli 1923 in Tiflis, Georgien, geboren. Seine Vorfahren waren um 1816/17 aus Württemberg nach Georgien ausgesiedelt. In dieser Zeit siedelten sich viele deutsche Familien in der Ukraine und in der Kaukasusländem Georgien, Aserbaidschan und Armenien an.

Rudolf Kehrer wuchs in einer deutschen Gemeinde auf, in der neben einer evangelischen Kirche und einer deutschsprachigen Schule auch ein Krankenhaus existierte, an dem deutsche Ärzte tätig waren. Die deutschen Familien pflegten deutsches Brauchtum und ihre Traditionen. Dazu gehörte auch ein reges Konzertleben.

Neben Moskau, Leningrad, Odessa und Kiew haben alle bekannten Künstler, die in der UdSSR konzertierten, auch in Tiflis Konzerte gegeben. Berühmte Künstler wie z.B. Oistrach, Kogan und Richter stammten aus der Ukraine, Bashkirov, Wlassenko und Wirssaladze sogar aus Tiflis. Tiflis war also ein wichtiges Zentrum sowjetischen Musiklebens.

Der Vater, Richard Kehrer, war Klavierbauer und Klavierstimmer, der die kleine, von seinem Vater Hermann Kehrer aufgebaute Werkstatt übernommen hatte. In diesen geordneten sozialen und wirtschaftlichen Verhältnissen wuchs Rudolf Kehrer zusammen mit seinem Bruder auf. In Tiflis lebte auch die Verwandtschaft der Familie.


Erste Schritte


Nachdem sein Vater ihn schon an den Umgang mit dem Klavier herangeführt hatte, begann die gezielte Klavierausbildung für Rudolf Kehrer im Alter von 6 Jahren. Seine erste Lehrerin war die Deutsche Erna Krause, die nach einer Ausbildung in Deutschland in Tiflis eine Privatschule eröffnet hatte. Der Klavierklasse gehörte er rund 6 Jahre an. Diese, so Rudolf Kehrer, sei im Vergleich mit zu seiner zweiten Lehrerin, Anna Tulaschwili, zwar nicht so erfahren gewesen, alle Schüler hätten aber eine gute technische Basis erhalten.


Durch die Tätigkeit des Vaters, der als Klavierstimmer die Klaviere in den Konzertsälen auch während der Klavierabende betreute, hatte Rudolf Kehrer seit frühester Jugend Gelegenheit, das Repertoire aller auftretenden Pianisten kennenzulernen.

Im Alter von 11 Jahren wurde er in eine der Gruppen von talentierten Jugendlichen aufgenommen, die auf Beschluss des Ministeriums für Kultur gebildet wurden, um ihnen eine Weiterbildung an der Hochschule zu ermöglichen.


Unter der Anleitung von der Professorin Anna Tulaschwili studierte Rudolf Kehrer bis zu seinem 18. Lebensjahr.

Im Alter von 12 Jahren spielte Rudolf Kehrer bereits Chopin‑Etüden, und anläßlich eines Konzerts des berühmten Pianisten Egon Petri in Tiflis hatte er Gelegenheit, diesem die Revolutionsetüde c‑moll von Chopin vorzuspielen. Zwei Jahre später spielte er schon fast alle Etüden von Chopin.


Zeit der Verfolgung und Vertreibung


Nachdem die Deutschen lange Zeit unbehelligt in ihren Gebieten gelebt hatten, richteten sich in den 30er Jahren unter dem Einfluß von Stalin mehr und mehr staatliche Ünterdrückungsmaßnahmen gegen die Minderheiten in der UdSSR.

Bereits 1934 wurden alle Deutschen in der UdSSR heimlich in Listen erfaßt, die später die Grundlage für die erfolgten Verhaftungen und die Deportationen bildeten.

Die sogenannten "Russifizierungsmaßnahmen” führten dazu, dass die kulturellen Einrichtungen der Minderheiten geschlossen wurden. und die russische Sprache zur alleinigen Amtssprache erhoben wurde.

So konnte Rudolf Kehrer die deutsche Schule nur bis zum Abschluss der 4. Klasse besuchen, den Schulabschluss absolvierte er auf einer russischen Schule.


Nachdem die Rechte der Deutschen immer weiter eingeschränkt worden waren, wurden im November 1938 die deutschen Rayons (= Gebiete, in denen eine deutsche Verwaltung existierte) im Altai-Gebiet aufgelöst, Ende März 1939 folgte die Auflösung sämtlicher deutscher Rayons in der Ukraine.

1937/38 wurden die ersten Verhaftungen in großem Umfang durchgeführt, von denen insbesondere Deutsche, Juden und russische Intellektuelle betroffen waren. Zwei Onkel von Rudolf Kehrer wurden 1938 verhaftet. Von ihrem weiteren Schicksal ist nichts bekannt geworden. Vermutlich wurden beide umgebracht. Der Vater wurde 1939 unter dem Vorwurf der Spionage für Deutschland verhaftet. Er verstarb 1943 im Internierungslager. Seine Frau erhielt nur eine kurze Mitteilung, daß ihr Ehemann verstorben sei ‑ ohne Hinweis auf den Ort und die Umstände.


Mit Ausbruch des deutsch‑sowjetischen Krieges am 22.6.1941 wurde die Situation für die Deutschen immer dramatischer. In den Monaten Juli bis Oktober 1941 wurden rund 100.000 Deutsche nach Kasachstan, Kirgisien und Tadschikistan deportiert.

Im August 1941 wurden die deutschen Gebiete von Kampf‑ und Sondereinheiten der Armee und des NKVD (= Einheiten des Innenministeriums, Vorgänger des KGB) besetzt und die Verbindungen zu anderen Landesteilen unterbrochen.

Mit Erlaß des Präsidiums des Obersten Sowjets der UdSSR vom 28.8.1941 "Über die Übersiedlung der Deutschen, die in den Wolgarayons wohnen", in dem der Bevölkerung pauschal die Kollaboration mit Deutschland und die Vorbereitung von Anschlägen vorgeworfen wurde, wurde eine umfassende Umsiedlung der Deutschen in die asiatischen Gebiete der Sowjetunion eingeleitet.

Anfang September wurden etwa 400.000 Wolgadeutsche, rund 80.000 Deutsche aus dem übrigen europäischen Teil der UdSSR und rund 25.000 Personen aus Georgien und Aserbaidschan nach Sibirien und Mittelasien deportiert. Zwischen 1942 und 1944 folgten ihnen weitere 50.000 Deutsche aus dem Gebiet Leningrad und aus kleineren deutschen Siedlungsgebieten.


Am 18. Oktober 1941 wurde auch Rudolf Kehrer zusammen mit seiner Mutter, seinem Bruder und zwei Tanten deportiert. In Lastkraftwagen und Viehtransportwaggons der Bahn wurden sie bis Baku am Kaspischen Meer transportiert. Nach einer stürmischen Überfahrt erfolgte der Weitertransport bis nach Kasachstan. Rund 70 Kilometer vor Taschkent, der heutigen Hauptstadt Usbekistans, hielt der Zug mitten in der Wüste an. Die Soldaten, die den Transport begleiteten, ließen alle in dieser Einöde aussteigen. Nach einer langen Wartezeit wurden die Betroffenen von Einheimischen auf Ochsen‑ und Pferdegespannen abgeholt und auf verschiedene kleine Dörfer verteilt.


Unter Kommandanturüberwachung


Die Deutschen durften die ihnen zugewiesenen Aufenthaltsorte unter Androhung schwerer Strafe nicht oder nur mit Erlaubnis des Ortskommandanten verlassen. Durch diese Maßnahme wurde jede Initiative unterdrückt.

Erst 1956 wurde die Beschränkung der Freizügigkeit wieder aufgehoben. Das bedeutete aber nicht, dass die Deutschen in die Gebiete, aus denen sie deportiert worden waren, zurückkehren durften. Das ist ihnen bis in die 80er Jahre verwehrt gewesen.


Die Familie Kehrer kam in das Dorf Slawjanka im südkasachischen Bezirk Pachta‑Aralski Rayon. Ab 1946 lebten sie auf der Sowchose (landwirtschaftlicher Kollektivbetrieb) "PachtaAral", was auf Deutsch "ein Meer von Baumwolle" bedeutet.

Die Unterbringung und die Versorgungslage waren äußerst schlecht. Die Unterkünfte bestanden aus kahlen Lehmwänden, ohne Fenster, mit einer Schilfrohrdecke und einem Boden aus gestampftem Lehm. Hauptnahrungsmittel in den ersten Monaten war Mais und ab und zu eine Schildkröte.

Viele litten auch unter den extremen klimatischen Bedingungen, sehr kalte Winter und im Sommer Wüsten-klima mit bis zu 40 Grad Celsius Hitze.


Die Deutschen wurden zu den verschiedensten Arbeiten gezwungen; Rudolf Kehrer hatte harte Arbeit auf den Baumwollplantagen zu verrichten.


In der Arbeitsarmee


Ab Oktober 1941 wurden alle arbeitsfähigen Männer aus den Verbannungsorten zur sogenannten Arbeitsarmee ("Trud‑Armee") eingezogen, ab 1942 auch kinderlose Frauen und später auch Frauen, die keine Säuglinge hatten. Insgesamt wird die Zahl der Deutschen in der Trud‑Armee auf 100.000 Personen geschätzt.

Die Trupps der Arbeitsarmee wurden zum Bau von Industrieanlagen, Bahnlinien, Straßen und Kanälen eingesetzt. Wegen der extremen Arbeitsbelastung und der schlechten Versorgung starben viele an Entkräftung oder sie wurden wegen der kleinsten "Verfehlung" einfach erschossen.


Rudolf Kehrer sollte ebenfalls eingezogen werden. Nachdem er zunächst wegen einer schweren Krankheit freigestellt worden war, wurde er im Rahmen der letzten Mobilisierung eingezogen. Er saß bereits in dem abfahrbereiten Zug, als eine Bekannte, ihn vom Bahnsteig aus entdeckte, ihn wieder aussteigen ließ und es aufgrund ihrer Tätigkeit bei der Polizei erreichte, dass Rudolf Kehrer nicht mehr zur Arbeitsarmee eingezogen wurde.


13 Jahre ohne Klavier


In den folgenden Jahren begann Rudolf Kehrer in den ersten Klassen der Schule Mathematikunterricht zu erteilen, ohne dass er eine Lehrerausbildung absolviert hatte. Weil er diese Tätigkeit mit Erfolg ausübte, wurde er schließlich zum Fernstudium zugelassen.

Das Lehrerdiplom wurde ihm verliehen, nachdem er die Prüfungen mit gutem Erfolg abgelegt hatte.

Diesen Berufsweg des Lehrers hatte Rudolf Kehrer eingeschlagen, weil er die Hoffnung bereits aufgegeben hatte, eine Karriere als Musiker durchlaufen zu können.


In dieser Zeit konnte Rudolf Kehrer weder Musik hören noch spielen. Rundfunkempfänger standen den Deutschen nicht zur Verfügung. Um vom geliebten Klavierspiel wenigstens etwas zu erahnen, zeichnete er die Klaviatur auf ein Brett, bewegte die Finger und ließ die Musik in seinem Kopf erklingen.

Dieser Zustand dauerte 13 Jahre!


Ein neuer Anfang


1954 wurde die Beschränkung der Freizügigkeit teilweise aufgehoben. Erst jetzt stand der Weg offen, in größeren Städten eine weitere Ausbildung in Angriff zu nehmen oder sich eine neue Beschäftigung zu suchen.


Rudolf Kehrer war bereits 31 Jahre alt, als im Familienrat ihm zugeredet wurde, er solle doch noch eine Ausbildung zum Musiker anstreben. Dem Wunschgedanken, dies zu tun, stand der Zweifel gegenüber, ob dies überhaupt noch realisierbar sei.

Rudolf Kehrer meldete sich zur Aufnahmeprüfung am Konservatorium in Taschkent an, die er nach einmonatiger Vorbereitung mit Erfolg ablegte. Er wurde gleich in das dritte von fünf Studienjahren eingestuft.

Während dieser Studienzeit arbeitete Rudolf Kehrer sehr hart, zum Teil sieben bis acht Stunden am Tag. Der Erfolg dieser Anstrengungen war herausragend: nach Abschluss der Prüfung bot man ihm gleich einen Lehrstuhl am Konservatorium an, was allgemein ganz unüblich war.


Der entscheidende Durchbruch


Rudolf Kehrer hätte sicherlich sein ganzes Leben lang an der Hochschule in Taschkent gearbeitet, wenn nicht 1961 der 2. All‑Unionswettbewerb der Sowjetunion stattgefunden hätte, an dem er teilnahm. Der ersten Wettbewerb 1945 hatten Svjatoslav Richter und Viktor Merzhanov gewonnen.

Rudolf Kehrer wurde trotz der Überschreitung der Altersgrenze zum Wettbewerb zugelassen. Der Erfolg war weitaus größer als erwartet. Er gewann den Wettbewerb mit der maximalen Punktzahl 50 von 50 möglichen Punkten. In der Begründung der Jury heißt es u.a.: "Er ist ein Phänomen im Musikleben der Somjetunion, ein großes reifes Talent von origineller Individualität, ausgestattet mit den besten Qualitäten pianistischen Könnens..."


Rudolf Kehrer erhielt sofort eine Berufung als Professor an das Tschaikowski-Konservatorium in Moskau, die bedeutenste Musikhochschule der damaligen Sowjetunion. Gleichzeitig wurde er Solopianist an der Moskauer Philharmonie.


Auftritte nur im Ostblock


Bei allen Erfolgen blieb es aber Rudolf Kehrer - anders als anderen Künstlern wie z.B. Richter und Gilels ‑ lange versagt, im westlichen Ausland aufzutreten. Er musste seine Tätigkeit auf osteuropäische Staaten einschließlich der ehemaligen DDR beschränken. In Paris waren die Plakate bereits gedruckt, aus den USA lagen Einladungen vor, aber Rudolf Kehrer bekam ohne Angabe von Gründen keine Reiseerlaubnis. Die Tatsache, dass seinen Unterlagen zu entnehmen war, dass Vater und Onkel in Stalin'schen Straflagern gestorben waren, ließ die sowjetischen Behörden befürchten, dass Kehrer von einer Reise in den Westen nicht zurückkehren könnte. So wurde Rudolf Kehrer in der Bundesrepublik Deutschland nur einem kleinen Kreis von Kennern bekannt, die ihn entweder im Konzert oder Rundfunk hören durften oder eine seiner zahlreichen Schallplattenaufnahmen für das sowjetische Staatsuntemehmen “Melodija” erwerben konnten.


Endlich auch im Westen


Erst Ende der 80er Jahre bekam Rudolf Kehrer die Erlaubnis, in das westliche Ausland zu reisen. 1990 erhielt er – nach 29 Jahren Lehrtätigkeit am Tschaikowski-Konservatorium in Moskau – eine Berufung als Gastprofessor an der Musikhochschule Wien. Diese hatte er bis 1998 inne.

Professor Rudolf Kehrer ist Träger zahlreicher Auszeichnungen. Er wirkt Mitglied der Jury vieler renommierter Klavierwettbewerbe mit und leitet internationale Meisterkurse für Klavier. Mehrere seiner Schüler wurden mit Preisen bei bei bedeutenen Klavierwettbewerben ausgezeichnet.


Inzwischen fast 80 Jahre alt hat Rudolf Kehrer im Westen viel zu spät Bekanntheit erlangt. Es ist eine traurige Erkenntnis, dass einem großen Künstler durch die Schrecken des Stalinismus eine Weltkarriere verweigert wurde …


Thomas Sandvoß

Köln 2003